Reiten-in-Berlin

Dr. med.vet. Silke Hieronymus
Tierärztin mit Schwerpunkt Tierernährung/Diätetik/Krankheitsprophylaxe
Futterrationsberechnungen für Pferde, Hunde und Katzen
Tiermedizinische Vorträge/Seminare im In-und Ausland
www.praxis-tierernaehrung.com   info.karl-egon@noSpam.tierernaehrung.ch 

 

 

Gras, Heu, Hafer reichen für eine optimale Ernährung nicht aus

An der Hufstruktur, der Qualität von Haut und Haarkleid, rezidivierenden Koliken, Kreuzverschlag, Harnsteinen, Sommerekzem oder ungenügendem Muskelaufbau zeigt sich meist am deutlichsten, wenn die Fütterung falsch ist und dem Pferdekörper etwas Wichtiges fehlt. Und das heißt nicht unbedingt zu wenig nährstoffreiches Futter, sondern auch oft zu viel, und vor allem: Das Falsche kombiniert. Dann heben sich viele Mineralstoffe und Vitamine gegenseitig in ihrer Wirkung auf und es kommt zu Mangelerscheinungen. Leistungseinbussen, Entwicklungsstörungen beim wachsenden Pferd oder ernsthafte Erkrankungen sind die Folge. Viele Mineralien und Vitamine können sich in ihrer Wirkung gegenseitig behindern. 
Für den Körper ist die Versorgung mit Mineralien und Vitaminen lebenswichtig. Eine reine Weidehaltung deckt heute längst nicht mehr den Bedarf. Auch bei einer Heu-Hafer-Ration muss in der Regel ein Mineralfutter ergänzt werden, da die Nährstoffe nicht mehr in ausreichender Form enthalten sind. Leichtfuttrige Pferde, die kein oder nur wenig Kraftfutter bekommen, sind ebenfalls auf die Zufütterung der wichtigen Elemente angewiesen.
Bei den Mineralien unterscheidet man zwischen Mengen- und Spurenelementen. Die wichtigsten Mengenelemente sind Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium, Kalium und Chlor, die wichtigsten Spurenelemente Eisen, Kupfer, Zink, Mangan, Kobalt, Jod und Selen. Der Bedarf an Mengenelementen variiert mit Körpergewicht und Leistung, der Bedarf an Spurenelementen ist unabhängig davon. Zwischen den Elementen bestehen zahlreiche Wechselwirkungen, die bei der Fütterung berücksichtigt werden müssen. Wichtig ist besonders das Verhältnis zwischen Calcium und Phosphor. Es sollte in der Gesamtration idealerweise zwischen 1,5:1 und 2:1 liegen. Beide Elemente sind vorrangig für den Aufbau und die Funktionsfähigkeit des Skeletts verantwortlich. Vor allem durch getreidereiche Fütterung kann sich der Phosphorgehalt erhöhen und zu einem Ungleichgewicht führen, da er die weitere Aufnahme von Calcium hemmt. Es bei reiner Heu-Weide-Hafer-Fütterung , neben einem Mangel an Selen, Magnesium, Zink und Vitamin A, je nach Fütterungsmenge auch zu einem Calciummangel kommen. Gerade Fohlen reicht Gras allein nicht, um gesund groß zu werden. Füttert man hier keine Mineralien zu, steigt das Risiko für Skeletterkrankungen. Der Körper zieht sich bei einem Mangel zum Beispiel das benötigte Calcium aus den Knochen um übrige Organe zu versorgen. Aber auch die Fruchtbarkeit leidet. Ein zu niedriger Phosphorgehalt, zum Beispiel möglich bei der alleinigen Fütterung von altem Heu, Stroh oder Mais, ist ebenfalls gefährlich und kann zu einer Knochenerweichung führen. Ein Überschuss an Calcium entsteht oft bei der fehlerhaften Dosierung von mineralisiertem Futter. Einen zwei- bis dreifachen Überschuss zur Norm kann der Körper gut vertragen. Bei Werten darüber hinaus können sich Steine an den ableitenden Harnwegen (Niere, Blase, Harnröhre) bilden, die chirurgisch entfernt werden müssen. Außerdem hemmt zu viel Calcium die Aufnahme lebenswichtiger Spurenelemente. Calcium versperrt Zink, Kupfer und Magnesium den Eintritt in die Zellen. Bei schlechter Hornqualität kann das wichtige Spurenelement Zink fehlen, denn dieser häufige Mangel äußert sich in Schäden an Hufen, Haut und Haar sowie einer erhöhten Infektanfälligkeit. Vor allem im Fellwechsel ist der Bedarf an Zink erhöht. 

Auch eine Überversorgung mit Kupfer behindert die Aufnahme von Zink, und umgekehrt. Ein Kupfermangel entsteht durch kupferarme Weiden und äußert sich in Pigmentstörungen und Skeletterkrankungen. Ein Zinkmangel kommt in der Regel jedoch häufiger vor. Ebenso wie Selenmangel, vor allem bei Pferden, die nur Weidegras und Heu fressen. Die Folgen sind unter anderem Muskelabbau – auch an inneren Muskeln, wie zum Beispiel am Herzen – und Skelettveränderungen sowie Kreuzverschlag. Häufig tritt ein Mangel auf, wenn plötzlich von heute auf morgen zu viel vom Pferd verlangt wird und es ernährungsphysiologisch nicht optimal versorgt ist. Bei einer Zuchtstute oder auch einem Pferd, welches im Sport eingesetzt wird, kann der Bedarf an Selen, Vitamin E höher sein, als bei einem Pferd welches nur leicht bewegt wird. Selenüberschuss ist relativ selten und dennoch umso gefährlicher. Werden zum Beispiel durch die wahllose Kombination diverser Ergänzungsfutter zu viel Selen gefüttert, kann dies toxisch wirken und sogar tödlich enden. Die Hornqualität leidet, Kronsaum-Entzündungen und sogar das Ausschuhen, bei dem sich die Hornkapsel vom Kronrand löst, sind. Außerdem kann es zu Koliken oder Atemlähmungen kommen. 
Magnesium ist ebenfalls für die Funktion vieler Enzyme in Muskel- und Nervengewebe wichtig. Häufig setzen Pferdehalter es bei nervösen Vierbeinern ein. Doch konnte eine Wirkung der Zufütterung über den Bedarf hinaus bisher nicht nachgewiesen werden. Ein Mangel liegt in der Regel nicht vor, nur eventuell bei sehr intensiv gedüngten Weiden. Die Folge können Muskelzittern und Krämpfe sein. Hier ist die Zufütterung sinnvoll. Doch bei generellen Muskelproblemen empfiehlt sich die Überpüfung der Futterration auf eine optimale Versorgung mit Selen, Vitamin E, Magnesium und essentiellen Aminosäuren.
Bei den Vitaminen unterscheidet man zwischen den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K, die für den Aufbau von Gewebestrukturen wichtig sind, und den wasserlöslichen Vitaminen wie die B-Vitamine, Vitamin C und anderen, die an Stoffwechselprozessen beteiligt sind. Die Vitamine A, D und E müssen dem Pferd über das Futter zugeführt werden, das Vitamin K und die meisten wasserlöslichen Vitamine werden vom Pferd selbst hergestellt. So zum Beispiel auch Vitamin H, besser bekannt als Biotin. Es wird gerne bei Hufproblemen zugefüttert. Eine Mangel ist jedoch sehr selten. Er kann zum Beispiel bei Organerkrankungen oder Antibiotika-Einsatz entstehen. Füttert man Biotin zu, braucht man Geduld. Erst nach frühestens sechs Monaten können sich erste Verbesserungen zeigen. Und auch die Menge ist entscheidend. Mindestens 15 Gramm benötigt ein 500 Kilogramm schweres Pferd in der Tagesration. Für gesunde Hufe, reicht Biotin allein jedoch nicht. Essenzielle Fettsäuren, Aminosäuren sowie vor allem Zink, Kupfer und Eisen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
An Vitamin E mangelt es häufig, wenn ausschließlich altes Heu und Stroh gefüttert werden. Der Zellmembranschutz geht verloren und es kommt zu Muskel- und Hautproblemen. Vitamin A wird bei der Fütterung von altem Heu und Hafer nicht ausreichend zugeführt. Hier werden ebenfalls die Hufe brüchig und die Infektanfälligkeit steigt. Doch der Vitamin A-Gehalt ist sehr oft auch zu hoch. In Mineralfuttermitteln ist meist sehr viel enthalten. Füttert man mehrere Ergänzungsfutter und dann noch Möhren dazu, ist der Gehalt schnell zu hoch. Dies blockiert wiederum die Aufnahme von Vitamin E.
Bei der Zufütterung von Vitaminen sind natürliche Futterstoffe den künstlichen immer vorzuziehen. Möhren geben besonders viel Beta-Karotin, das vom Körper in Vitamin A umgewandelt werden kann und vor allem in der Wintersaison wichtig ist. Empfohlenen wird ein bis zwei Kilogramm Möhren pro Tag.
Besonders alte Pferde haben einen erhöhten Vitamin- und Mineralbedarf. Sie brauchen zum Beispiel doppelt so hohe Mengen an Vitamin A, B, C und E. Außerdem deutlich mehr Zink, Selen und Kupfer.Um Knochenprobleme zu vermeiden, ist bei ihnen besonders auf genügend Calcium zu achten. Der Markt bietet diverse Senioren-Mineralfutter an, die speziell auf diese höheren Anforderungen abgestimmt sind. Doch auch bei jüngeren Pferden können besondere Situationen besondere Anforderungen stellen. Fellwechsel, Training oder auch starker Schweißverlust an heißen Tagen bringen den Nährstoffhaushalt oft durcheinander.
Besondere Ansprüche haben Sportpferde: Hier besteht mit steigender Muskelarbeit auch ein steigender Bedarf an Vitamin E und Selen. Die Elemente sind unerlässlich für den Muskelstoffwechsel. Füttert man Öl dazu, wird das Vitamin E noch besser aufgenommen. Doch kann man damit nie einen schlecht sitzenden Sattel oder falsches Training ausgleichen.
Wenn Pferde bei sommerlichen Temperaturen viel schwitzen, erhöht sich zudem der Bedarf an Natrium, Chlor und Kalium, da diese über den Schweiß ausgeschieden werden. Ein Salzleckstein kann bereits viel decken. 30 Gramm nimmt ein Pferd über den Leckstein in der Regel auf. Doch liegt bei starkem Schweißverlust der Bedarf meist bei 80 bis 100 Gramm. Dann sollte etwas Salz über das Kraftfutter oder direkt ins Wasser gegeben werden.
Die großen Unbekannten bleiben jedoch das Heu und Weidegras. Am besten wäre es, Analysen von Heu, Weideboden und -gras zu machen, um die Futterration abstimmen zu können. Grasanalysen reichen für die Überprüfung des Weidegrases allein nicht aus. Nur in Bodenanalysen zeigen sich auch die enthaltenen Spurenelemente. Analysen bietet zum Beispiel die LUFA (Landwirtschaftliche Untersuchungs- und Forschungsanstalt, www.vdlufa.de) an. Ansonsten arbeitet man bei Futterrationsberechnungen mit Durchschnittswerten. Blutanalysen können die Berechnungen unterstützen. Doch muss man hier gezielt anfordern, auch die Spurenelemente Selen, Zink und Kupfer zu prüfen, denn diese sind im normalen Blutbild nicht enthalten. Die Werte im Blutbild sind allerdings immer nur Momentaufnahmen und können zum Beispiel krankheitsbedingt verändert sein. Wer also auf Nummer Sicher gehen will sollte einmal pro Jahr eine Blutanalyse zu machen und mit einer massgeschneiderten, computergestützten Rationsberechnung zu vergleichen.